Witzig, da schreibst du ganz spontan einen neuen Text über das Thema „Zeit“ und dann hast du keine Zeit, das Ding der Welt zu zeigen. Ist genauso passiert, vor einer Woche. Auch witzig, die Erklärung dafür ist in diesem Text zu finden. Spoiler Alarm: es ist ein 65 cm kleiner (bzw. schon echt großer) Grund, der schlimme Tage hinter sich hat. Glücklicherweise heilt die Zeit physische Wunden. Und nun ist es Zeit für ein paar Gedanken zur Zeit.

Lange ist es her, doch gestern Abend riss es mich. Kein Netflix, kein Amazon Prime, sondern VOX. Es lief ein Film im Fernsehen, von 2014, den ich schon kannte. Es war spannend, die Erinnerungen blass und ich hatte das Wohnzimmer für mich, also ließ ich die Flimmerkiste laufen. Der Film endete mit den Worten: “Vor einer Milliarde Jahren wurde uns das Leben geschenkt. Macht etwas daraus!“.  Die Zeit, die uns mit unserer Existenz gegeben wurde, ist tatsächlich das größte Geschenk überhaupt. Und mal ganz ehrlich, wie viel verschwenden wir davon? Wie oft sitzen wir auf der Couch, mit dem Handy in der Hand, Fernseher läuft nebenbei. Und das obwohl wir uns doch so fest vorgenommen hatten mehr zu lesen.  Wie oft landen wir bei Facebook, Instagram oder YouTube, obwohl wir doch eigentlich die News checken wollten oder unseren Kopf mit etwas Sinnvollem füttern. Wie oft ertappe ich mich immer wieder selbst dabei. Ich versuche erst gar nicht mich zu rechtfertigen, sondern es stattdessen besser zu machen. Jeden Tag aufs Neue. Heute gehe ich mir selbst mit gutem Beispiel voran. Heute wurde mir Zeit geschenkt. Weil ich hart gefordert bin von meinem neuen Job. Die Liebe zu meinem Baby ist facettenreich. Eine dieser Facetten ist die permanente Grenzüberschreitung. Müdigkeit hat ein neues Level erreicht, genauso wie Erschöpfung und zu kurzkommen der eigenen Bedürfnisse. Mindestens einmal täglich kämpfe ich mit dem Kreislauf, weil ich schon wieder zu wenig oder noch immer nichts gegessen habe. Der kleine hilflose Knopf namens Sohn, hat schlicht Vorrang. So gut wie immer. Doch nicht heute. Heute hat mir meine verrücktere Hälfte Zeit geschenkt – für mich. Diese Zeit auch wirklich und ausschließlich nur für mich zu nutzen war erst gar nicht so einfach. Natürlich habe ich 325 Erledigungen auf meinen Listen verteilt, doch nichts davon will ich tun. Nicht heute. Raus, weg vom Haushalt (der einfach niemals endet), weg von Baustellen, Listen, Projekten. Raus von zu Hause und rauf auf eine schwarze Ledercouch, rein die Ohrstöpsel und lecker der Kaffee. Es fehlt eigentlich nur noch das ich aufstehe und los dance. Dieses Kitzeln in den Füßen hebe ich allerdings noch ein Weilchen zurück, denn da bietet sich bald eine bessere Gelegenheit, als im neuen potentiellen Stammcafé.

Seit dem Baby hat Zeit eine neue Dimension angenommen. Drei Stunden (bis zur nächsten Stillmahlzeit) sind mit einmal zappen quasi vorbei. Ohne Scheiß. Nachts aufwachen und fühlen es sind doch erst 10 Minuten vergangen, tatsächlich schon vier Stunden oder aktuell nur eine. Vom Einschlafen im Krankenhaus, als Mini gerade drei Stunden alt war, zum Arzttermin mit drei Monaten, war mit einmal im Kreis drehen vorbei. Und dann der neue Alltag. Ich war so naiv zu glauben, während der Elternzeit hat man Zeit. Klar 20 bis 30 Minuten sind ein paar Mal täglich drin und die Minuten, in denen ich ihn einfach babbeln oder quengeln lasse. Aber das war’s auch schon. Keine Ahnung wie das passiert ist, mein Terminkalender ist jetzt noch voller, als vor Junior. Einige empfinden Stillstand als Rückschritt, dazu gehöre ich nicht. Im Gegenteil, gelegentlich mal still stehen und durchatmen halte ich für immens wichtig (um nicht durchzudrehen, zum Beispiel). Das ist also nicht der Grund für meine durch getakteten Tage. Der Wunsch nach Leben ist es. Es gibt so viel davon, so bunt, so schön, dass ich möglichst viel davon in meine Memory Box packen möchte.

Zeit.

Heute habe ich Zeit mir mal die Hände einzucremen, einen Song in Ruhe und am Stück anzuhören, zwei komplette heiße Kaffee hinter einander zu trinken. Heute habe ich Zeit zum Durchatmen.

Wohl das einzige, was man weder bei Amazon noch ebay bestellen kann. Ein Gut, so wertvoll und rar, dass es niemals an Bedeutung verlieren wird. Ein Gut, so kostbar, dass wir umgehend aufhören sollten es zu vergeuden, stattdessen verschenken. Sich selbst und der Welt. Denn, nicht vergessen: Make someone happy!

P.S.: Thanks Darling.

Share: