Die junge Frühlingssonne heizt den Asphalt auf, wärmt das Leder und holt die Biker aus ihrem Winterschlaf. Mit den steigenden Temperaturen steigt wieder die Zahl der Zweiräder auf den Straßen. Die neue Motorradsaison hat begonnen und mit ihr die Zeit der Vorsicht und gegenseitigen Rücksicht.

Der 34-Jährige Andreas Döttling, Motorradfahrer aus Leidenschaft

So ein Motorrad ist kompakt, leicht übersehbar und im Vergleich zu einem PKW, ohne schützenden Panzer. Man kann sagen, Mopedfahrer (wie sie sich selbst gerne nennen) bedürfen eines besonderen Schutzes. Genau das sehen jedoch viele Autofahrer anders. Was sie häufig wahrnehmen sind rücksichtslos rasende Maschinen, die sich durch jede schmale Lücke schmuggeln. Was vielen entgeht ist der fehlende Schutz vor äußeren Einflüssen. Bei einem Stau im Sommer sind Motorradfahrer den über 100°C Grad ihres Motors zwischen den Beinen und der prallen Sonne von oben ausgeliefert. Ohne Fahrtwind ist die stauende Hitze im Helm für den Kreislauf nicht (er)tragbar. Die häufigste Unfallursache bei Motorradfahrern erklärt sich trotzdem durch Eigenverschulden, mit zu hoher Geschwindigkeit oder sonstigem Fehlverhalten – so das Statistische Landesamt Baden-Württemberg (2018). Zu Recht ärgern sich also Autofahrer über das Fahrverhalten vieler Biker. Zuallererst dürfen sie sich jedoch an ihre eigenen Pflichten erinnern, denn bei den von Motorradfahrern unverschuldeten Unfällen, ist der PKW Fahrer Hauptverursacher. Packen wir die Schuldzuweisungen mal komplett beiseite, bleibt die Frage wie die Anzahl der Motorradunfälle und ihre jährlich über 100 Toten (nur in Baden-Württemberg) reduziert werden können.

Fragt man Andreas Döttling (34) aus Stuttgart, seit gut 4 Jahren Motorradfahrer, ist „vorausschauendes Fahren“ lebensrettend. In seinen acht Jahren im Außendienst saß er täglich viele Stunden im Auto und hat dutzende Verkehrssituationen erlebt. Er sagt die Erfahrung auf der Straße, aus tausenden Kilometern, haben ihn zu einem umsichtigen Fahrer gemacht. Als gemütlich würde er seinen Fahrstil nicht bezeichnen, doch er sieht was vielen anderen entgeht, egal ob im Golf Kombi oder auf seiner schwarzen, 160 PS Yamaha MT10. Auf der linken Spur auf der Autobahn hat er immer den Verkehr rechts von sich im Blick – der BMW, der dem Wohnmobil vor ihm immer näher kommt, könnte jederzeit ausscheren und nach links überholen. Auf der Landstraße beobachtet er den querenden Feldweg – ein Radfahrer oder Jogger könnte plötzlich die Straßenseite wechseln. Döttling rechnet zu jeder Zeit mit Fehlern anderer. Sein kritischer Blick haftet auch an Motorradfahrern, besonders bei den jungen Unerfahrenen. Er ist froh darüber selbst erst spät aufs Motorrad gestiegen zu sein: „Hätte ich als junger Kerle mit 18 schon den Mopedschein gemacht, würde es mich heute nicht mehr geben.“ Zustimmend nickend seine Biker Kollegen. Wir sind unterwegs auf einer Motorrad Freizeit im Pfälzer Wald, mit einer 30 köpfigen Mannschaft. Der sportliche Krautbauer Bernd stellt fest „Wie schnell du schnell wirst, ist das Gefährliche.“ Von 0 auf 100 in nur 5 Sekunden – das bedeutet Adrenalin, Spaß und ordentlich Risiko.

Landschaft, Sonne und Kurven genießen – die Freuden des Motorradfahrens

Alles andere als kopflos sind die Damen und Herren dieser christlichen Freizeit unterwegs. Der Austausch über das gemeinsame Hobby ist reg: die Freuden und Gefahren der letzten Touren, Marken & Modelle, mit ihren Vor- und Nachteilen. Das Rahmen-Programm der Organisatoren unterstreicht den Safety-Check-up der Gruppe. Nach dem gemeinsamen Frühstück folgt ein ein-stündiges Plädoyer für das „Sicher im Motorradsattel“: Abschreckende Statistiken, neueste Schutzfunktionen für die Kombi und ein Appell zum verantwortungsvollen Fahren. Und genau das bringen die Teilnehmer später auch auf die Straße. Die zuvor nach Fahrkönnen und Geschwindigkeit eingeteilten Teams werden von einem Guide geführt und dem „Schlusslicht“, dem hintersten Fahrer, bewacht. Man schützt und unterstützt einander und lässt keinen zurück. Ziel ist das gemeinsame Erlebnis und eine sichere Fahrt. Es ist eine Dynamik in der ich mich sicher fühle und das obwohl der Altersdurchschnitt, mit 50 bis unter 60, genau in der risikostärksten Gruppe liegt. Die Möglichkeit zu lernen ist bei so einer gemeinsamen Ausfahrt groß, selbst als Sozius – ein wunderbares Sicherheitstraining, wenn man mich fragt.

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Eindrücke von der Motorradfreizeit im Pfälzer Wald

Ein Motorradfahrer ist 7x gefährdeter als ein Autofahrer, er muss noch achtsamer agieren und das nicht nur beim Fahren. Das Wetter, der Straßenbelag, die Schutzkleidung, das Reifenprofil, die allgemeine Verkehrstauglichkeit der Maschine – ein Motorradfahrer springt nicht einfach drauf und fährt los, er überlegt, prüft und schaltet zuerst seinen Kopf ein. Das ist zumindest das Soll in der Praxis und zwar für Auto- und Mopedfahrer. Schon 1934, als die Straßenverkehrsordnung (StVO) eingeführt wurde, war der erste Paragraph dem Leitgedanken der gegenseitigen Rücksichtnahme gewidmet. Es ist Zeit dieser eingestaubten Pflicht zu einem Comeback zu verhelfen und die Basis der Unfallverhütung zurück auf die Straße zu bringen:
  1. „Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.
  2. Wer am Verkehr teilnimmt hat sich so zu verhalten, dass kein anderer geschädigt, gefährdet oder mehr, als nach den Umständen unvermeidbar, behindert oder belästigt wird.“ (§ 1 StVO)
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